Top Bottom Home Site Map Topic Previous Next Top
philjohn.com
philjohn.com
  phase 2: peri ta horizomena

POEMS GROUP 9: ROGATIO

Category 2: Versatio

Section Index


  1. Syllogy II: Maskenball
  2. Syllogy III: Species Fallax


  What's Related  
  Subsequent Pages - Poems  
 






Phil John Kneis:
SYLLOGY II
ROGATIO - VERSATIO I:
Maskenball


Eichwalde, September 28th - Oktober 5th, 1997 - P#75



VVLNERANT OMNES,
VLTIMA NECAT.

ALLE VERLETZEN,
DIE LETZTE TÖTET.

- römisches Sprichwort




EXPOSITIO:

PROLOGOS
PARS PRIMA: OMINA
PARS SECVNDA: PAX RUPTA
PARS TERTIA: ALTITVDINES
PARS QVARTA: METVS
PARS QVINTA: SEPVLCHRVM
EPILOGOS










PROLOGOS

In drängenden Worten ja alles zu fassen,
Von drückenden Schranken gar ständig zu lassen,
Aus allem durch alles in alles verdrehen,
Daß alles, was unklar, man möge verstehen,
Daß Klarheit doch weiche zu irreal' Nebel,
Daß fraglich wird alle einst gültige Regel,
Bestand ist in keinem und nichts bleibt verborgen,
Das Lebende alles ersucht neues Morgen,
Der Donner der Zeiten erdrückt alles Klagen,
In schwammigem Grunde versinken die Fragen,
Die Zweifler vergehen, verschwinden mit Stille -
Bestehen wird nur noch der festeste Wille,
Bestehen der Glaube, der nicht kommt ins Wanken,
Bestehen die wahrsten der wahren Gedanken,
Nicht Rufen, nicht Schreien, nicht Klagen kann siegen,
Nicht Waffen, nicht Ränke, nichts soll sich bekriegen,
Denn nichts, das aus Krieg ist, kann wirklich bestehen,
Ja, siegreiche Tage wird dieses zwar sehen,
Doch sterben ein langes und qualvolles Ende -
Wenn maskenlos, zeigen sich blutige Hände.










PARS PRIMA: OMINA

I.
Verschwommene Schatten
Vor Zeiten schon hatten
Die Zeiten bedränget
Und Wege verenget
Und Ziele verschlagen
Zu ferneren Tagen.

II.
Verschwommene Zeichen
Woll'n heute auch weichen
Und lassen gar zittern
Und ängstlich verbittern
Den Sucher des Pfades,
Der führt aus dem Hades.

III.
Nicht Hades ist Hitze
Und hitzige Pfütze,
Nicht Hölle ist Sterben
Und künftig Verderben,
Die Grenzen auf Erden
Gar sichtbar hier werden.

IV.
Verborgen kein Wissen,
Das nicht zu vermissen
Auf unseren Wegen
Und unseretwegen
Könnt' weiter uns führen, -
Und Wahrheit erspüren.

V.
Die Zeichen und Taten
Wir müssen nicht raten,
Sie sind uns gegeben
In unserem Leben,
Umgeben uns täglich
Und schreien unsäglich.

VI.
Sie schrein' ob der Starre,
Daß die nicht mehr harre
In unserem Wesen;
Dann wär'n wir genesen;
Gewissen ist Wissen
Und wird sie vermissen.










PARS SECVNDA: PAX RVPTA

I.
Verbunden in einem,
Dem unsäglich reinem
Und grenzenlos altem,
Das ewig wird walten,
War alles im Frieden -
Dies blieb nicht beschieden.

II.
Der Friede zerbrochen,
Und ewiges Pochen
An steinerne Wände
Bringt Blutige Hände,
Doch Fortschritt ja keinen
Und schließlich nur Weinen.

III.
Denn Fried' ist gewichen,
Die Tage verblichen
Von denen, die sterben
Und nichts zu erwerben
Durch dieses ja schienen,
Dem Tod nur zu dienen,

IV.
Wo Fried' ist geschwunden,
Die Seele zerschunden,
Die Masken zersprungen,
Die Lieder gesungen,
Die Klagen verbreiten
Und Hoffnung bestreiten.

V.
So Fried' ist vergessen,
Und nur noch erpressen
Woll'n diese das Leben;
Es soll ihnen geben
Nur Macht, niemals Worte
Noch friedliche Orte.

VI.
Ist Friede genommen?
Ist nicht auch gekommen
Die Macht, ihn zu schaffen
Und trotz aller Waffen
Verblendung zu meiden
Und enden das Leiden?










PARS TERTIA: ALTITVDINES

I.
Die dunkelsten Nächte verbergen die Tage,
In all ihrem Düstren verborgen die Frage,
Die Frage, die tötet und alles entzweiet,
Die Worte, die schlagen, was noch sich erfreuet
Des glänzenden Lebens und will nicht ja schauen,
Daß morgens nach Kommen der friedlichen Tauen
Die Welt sich verändert - und Dunkles gesehen,
Ist niemals durch diesen ja erstmals geschehen.
Nur Licht kannte dieser, nur grünende Wälder,
Nicht Unkraut, doch lediglich blühende Felder.
Die Nacht und die Schatten ergreifen geschwinde
Den Geist, der beherbergt doch einst von dem Kinde,
Soll wachsen und sehen, daß Finsternis greifet
Und finsterer Welten ja Furcht baldigst reifet,
Wo nicht sie gesät und auch nicht sie geboren,
Doch niemals ist diese ja schon auserkoren,
Den Willen zu führen und Taten zu leiten,
Die jedem Gewissen nur Schmerzen bereiten,
Nein, nichts ist von Anfang im Menschen verloren,
Doch Heere schon lagern vor wankenden Toren.

II.
Die Mauern und Tore verschlossen ja bleiben,
Doch finstre Gedanken ja stetig sich reiben
Und dringen durch diese, durchdringen die Feste,
Ja drängen hinein und sind zornige Gäste -
Entdecken die Fluren, so rein und noch lichte,
Noch nichts scheint zu ahnen das letzte Gerichte -
Ein leicht' Unterfangen und willige Beute,
Fällt diese zu Händen der wütenden Meute
Und muß gar verschlingen sich schließlich auch lassen,
Das alte bleibt nie mehr gar gänzlich zu fassen -
Zu tiefesten Tiefen getragen geschwinde
Mit reißendstem Strome und tosendstem Winde
Hinab, nur hinab, und kein' Leben gescheuet,
Hinab zu den Tiefen, und nichts sei bereuet.
Die Tiefen sind alles, was machtvoll mag scheinen,
Die Tiefen ja alles so machtvoll vereinen
Zu scheinen sie geben und wollen dies zeigen.
Und all' feine Masken gar tanzen im Reigen,
Schon sieht man die Herren, die herrschen gar wollen,
Schon sieht man die Henker, die richten gar sollen.

III.
Ein Lachen und Grunzen und lautes Gegröle,
Das tobet in dieser alluntersten Höhle,
Gar hoch sie sich scheinen und wichtig sich glauben
Und wollen gar alles sich selbst ja erlauben -
Durch Macht sie bezwungen, durch Geld ja verloren,
Ist ihnen im Herrschen ein Freund ja geboren,
Der niemals sie läßt ja erkennen das Wahre?
Der nie kann erreichen, daß einer erfahre,
Was wirklich ist wichtig und nur kann bestehen?
Ach nein, nie, sie müßten gar schließlich vergehen?
Doch halt - ja, sie wissen um all diese Dinge,
Sie wissen, daß niemand sie hält in der Zwinge
Des Bösen und Dunklen und finstren Gesellen -
Und lachen mag laut ja bis fern hin nun gellen,
Denn nicht ist es einer, der leitet dies' Grauen,
Denn nicht ist es einer, der könnt' dies erbauen.
Die Wahrheit vor allem ist grausam, doch richtig,
Daß nichts, das dies saget, ist jemals je wichtig.
Denn Finsternis herrschet in finsteren Hallen
Des Geistes des Menschen und will nie verschallen.

IV.
Nun sieh' auf die Fratzen und grinsend' Gesichter,
Und sieh' in die Augen der finstren Gelichter,
Ja, menschliche Augen und menschliche Namen,
Ja, Menschen ja bilden den gräßlichen Rahmen,
Der trägt ja das Dunkle und Falsche der Welten
Und glaubt gar, daß so er ja möge was gelten -
Der tiefesten Tiefen ja gibt es gar keine,
Die nicht würd' entstammen aus menschlichem Keime.
Der schwindelndsten Höhen doch ebenso alle
Entspringen die Taten dem stählernen Walle,
Der schließet im Innern den Geiste zu einem,
Daß bleibet im Kerne ein Teil jenes Reinen,
Der Ursprung und Anfang und Ende gerufen,
Den weder die Sterne noch Welten erschufen,
Der war vor den Zeiten und trug ja mit Schmerzen
Der Menschen Gedanken in leidendem Herzen.
Das Dunkel ist mächtig, doch schweigt es vor diesem,
Vor diesem ja fallen die mächtigsten Riesen,
Sie fallen und stürzen und sehen ihr Ende,
Das endlich mag bringen für alles die Wende.

V.
Zwei Gegner im Streite, sie suchen zu siegen,
Doch einer wird immer am Ende erliegen
Der eigenen Bosheit, dem innersten Triebe -
Den andren dagegen doch trägt ja die Liebe,
Die Liebe zum Leben und Liebe, zu geben,
Dies' Liebe, im Worte des Herren zu leben.
Denn Dunkelheit weichet den lichtenen Strahlen,
Die täglich den Tau in die Wiesen ja malen,
Die brennen die Dunkelheit fern aus den Weiten,
Die leuchten durch alles für ewige Zeiten.
Denn Dunkles nur sichtbar durch strahlende Sterne,
Und langsam verbindet, was vorher so ferne,
Mit lichtenem Bahnen die Zeit und wird fliegen
Zu Sternen und glorreiche Siege so siegen.
Doch nichts, was ist finster, kann dieses erreichen,
Und all dies' am Ende muß endlich ja weichen.
Zu Tiefen der Seele das Licht wird gelangen,
Denn endlich das finstere Feuer gefangen
Und schließlich muß glauben und sehen das Leben
Und eigene Fäden in dieses soll weben.

VI.
Es stürmen die Winde und tosen die Wälder,
Es toben die Flüsse und wogen die Felder,
Es stürzen die Fluten und fallen die Blätter,
Es wanket die Erde und raset das Wetter -
In Weiten der Welten und Tiefen der Seelen
Kann all dieses Wüten doch niemals denn fehlen;
Kein Schaffen ohn' Töten, kein Ende ohn' Anfang,
Kein Wort ohne Schweigen, kein Ausgang ohn' Eingang.
Die Mächte sind Masken und wir sind die Spieler,
Und sind auch zu hören die Stimmen gar vieler,
So müssen sie schweigen, wenn eine wird walten,
Und werden sie schweigen, da diese kann halten
Gar alles in allem in ihrem Gestade
Und öffnen am Ende die goldene Lade,
Die Lade des Bundes mit allem, was lebet,
Die Lade des Wortes, das stets nur erstrebet
Zu geben der Schöpfung die Gabe des Sehens,
Die Gabe des Hörens und auch des Verstehens.
Die Höhen und Tiefen der Erde sind Pfade,
Die trägt nur des Herren alleinige Gnade.










PARS QVARTA: METVS

I.
Wo Furcht herrscht mit Schrecken
Und nur will erwecken
Die Angst und das Grauen
Und will nichts erbauen,
Ist Hoffnung gegeben
Durch Wissen um Leben.

II.
Denn Hoffnung ist Sehen,
Mit Hoffnung zu gehen,
Heißt, vorwärts zu schauen,
Die Himmel zu bauen,
Die fern noch uns scheinen
Und trösten wohl keinen.

III.
Nicht Fremdes schafft Schrecken,
Nicht Fremde erwecken
Die Ängste der Alten -
Denn Grauen kann walten,
Am sichersten ranken
In eig'nen Gedanken.

IV.
Nur fürchte die Wege
Und finsteren Stege,
Die selbst du betreten -
Denn jegliches Beten
Und jegliches Frommen
Aus Wahrheit muß kommen.

V.
Kein Urteil wird richten,
Dir Taten erdichten,
Du selber wirst sprechen
Ob deiner Verbrechen
Den Schuldspruch am Ende
Für eigene Hände.

VI.
So Furcht nur beschränket
Und Tugend verschenket,
Wenn ängstlich man schreitet
Und niemals bereitet
Den Geist, zu vertrauen,
Auf Gott ja zu bauen.










PARS QVINTA: SEPVLCHRVM

I.
Am Ende des Lebens
Und Ende des Strebens
Nicht stehen die Bahren,
Die abwärts ja fahren
Und küssen die Erde,
Daß ruhen man werde.

II.
Am Ende der Tage
Nicht endet die Frage,
Die suchet die Worte,
Die suchet die Pforte
Des letzten Gedanken,
Der niemals wird wanken.

III.
Wenn Herzen versagen
Und schallende Klagen
Gar laut sich erheben
Und alles erbeben
Und stürzen in Trauer,
Ist dies nicht von Dauer.

IV.
Denn Leben ist Sterben
Und Sterben ist Erben
Das ewige Leben,
Das allen gegeben;
Ein Ende ist nichtig
Und niemals je wichtig.

V.
Das Grab steht ja offen,
Daß jeder muß hoffen
Und sehen die Größe
Und nicht nur die Blöße
Der menschlichen Tage;
Was stirbt, ist die Frage.

VI.
Doch Antwort in allem
Wird kommen mit Schallen,
Die Masken verschwimmen
Und Grenzen verrinnen,
Denn alles ist keines
Und niemals ja keines.










EPILOGOS

Die Zeiten ja kommen und werden vergehen,
Denn nichts, das ist irdisch, wird jemals bestehen
In irdischem Bande in irdischer Weise,
Zu ziehen auf ewig in irdischem Kreise;
Nein, all dies vergehet und scheidet von dannen,
Und all', die zu fliehen den Tod ja ersannen,
Am Ende erschlagen vom eigenen Werke,
Entbehrend ja aller besessener Stärke,
Die nun ist vergangen - doch war sie je richtig?
Und nun, da am Ende, was war davon wichtig?
Die Masken gefallen, die Siege vergessen,
Nichts, was jetzt mag kommen, läßt leicht sich ermessen -
Dem Menschen verschlossen die letzten Gedanken,
Die Erden entschwinden und Himmel ja wanken,
Was Licht ist, ist Schatten, was Schatten, wird strahlen
Und lichte Gemälde in Schatten ja malen.
Der Stunden gar viele verletzen ja alle,
Die letzte doch tötet und sprenget den Walle,
Entreißt ja dem Leben die letzte der Masken,
Danach doch der Geist wird nie wieder mehr rasten.



PJK
April 9th, 1999







Phil John Kneis:
SYLLOGY III
ROGATIO - VERSATIO II:
Species Fallax


Eichwalde, November 17th - December 22nd, 1997 - P#79



Die Menschen können nicht sagen, wie sich eine Sache zugetragen,
sondern nur wie sie meinen, daß sie sich zugetragen hätte.

- Georg Christoph Lichtenberg




EXPOSITIO:

PROLOGOS
PARS PRIMA: OCCASVS
PARS SECVNDA: MOLESTIAE
PARS TERTIA: FRAVDES
PARS QVARTA: LVDICRVM
PARS QVINTA: FIDES
EPILOGOS











PROLOGOS

I.
Ein Antlitz der Freude, ein Antlitz der Schmerzen,
Ein weites Gebäude mit pochenden Herzen,
Ein Haus voller Schatten und Haus voller Helle,
Ein Haus voll von lichter und finsterer Stelle,
Ein Platz aller Tage, der Tage ohn' Ende,
Doch dann alle Tage vergehen behende,
Es dröhnt aller Leiden und mischt sich mit Freude,
Es mischt sich das Morgen und Gestern und Heute,
Und all diese Grenzen verfließen zu einem,
Was alles will sein und doch nichts ist zu scheinen,
Was einigt ja alles und doch bleibt verborgen,
Was gestern schon wußte um heutiges Morgen,
Was alles in allem umfaßt und umschlinget
Und alle Erkenntnis zu einem ja bringet,
Wo alle Gedanken verlieren die Schranken,
Wo alle Gedanken um einen sich ranken,
Wo fallen die Masken und bleibt nur das Wahre,
Ach, daß sich doch dieses uns heut' offenbare!
Ein Antlitz des Friedens soll dieses uns werden,
Ein Antlitz, befriedend all unsere Erden.

II.
Ein Wort ja der Freude, ein Wort ja der Schmerzen,
Ein weites Gefilde voll wartender Herzen,
Voll Herzen der Furcht und des ewigen Bangens,
Die harren der Kunde des zeit'gen Empfangens
Der himmlischsten Gaben zugleich und in Fülle,
Die sehen in allem nur sterbliche Hülle,
Doch nichts, was dahinter verbirgt sich so stille,
Doch nicht, daß dahinter verborgen der Wille
Des Seins vor den Zeiten, die uns hier geboren,
Des Seins nach dem Leben, das uns auserkoren,
Des Seins, in dem Ganzen des Schöpfers umfangen,
Des Seins, an dem Atem der Schöpfung gehangen.
Doch nicht sind es Worte, die so wir ersehnen,
Nein, nur sind es Taten, wo wir nicht verschämen
Zu fordern gar diese und schreien nach Zeichen,
Ja, Zeichen uns gebe, sonst werden wir weichen
Von all deinen Pfaden und kennen dich nimmer -
Dies sagen, die strahlen in finsterstem Schimmer. ---
Ein Wort ja des Trostes und alles Verstehens,
Ein Wort ja der Teilhabe himmlischsten Lehens.

III.
Auch Taten aus Freude und Taten aus Schmerzen,
Ein weites Verlangen aus brennendem Herzen,
Verlangen des Sehens und stetigen Gehens,
Voran, nicht zurück, und des ständigen Flehens
Um Gnade, um Hoffnung, um Liebe der Zeiten -
Denn nichts woll'n wir hören, das würde uns leiten,
Ja, tun woll'n wir selber und seh'n nicht die Wunder,
Das Feuer des Handelns in uns brennt wie Zunder,
Wir glauben zu wollen und Willen zu haben
Und so zu vollbringen all feineste Gaben,
Die uns soll'n sein Segen und bringen die Tage
Der Zukunft uns selber und sehen die Frage
Des Ursprungs gelöset, und ferne Gefilde
Sind nah uns in unserem heutigen Bilde,
Und all dies geschafft hat das menschliche Streben,
Und alles hat Wert nur durch menschliches Leben,
Ja, alles der Krone der Schöpfung zu Füßen,
Ja, alles, was sonst wir zu leicht nur verstießen,
Ja, Taten und Werke zu Füßen uns liegen,
Und schon woll'n wir glauben, daß wir werden siegen.










PARS PRIMA: OCCASVS

I.
Das Ende verwegen
Nie möchte sich regen
Und langsam will warten
Auf die, die schon harrten
Zu kommen zum Ende,
Schließt's in seine Hände.

II.
Es hält sie umfangen,
Es spürt ja ihr Bangen,
Es ist ja versessen
Und nicht zu erpressen,
Getrieben vor allen
Zum Bringen zum Fallen.

III.
Es schreckt ja die Starken
Und schreckt die Autarken,
Es schreckt auch die Schwachen,
Auch die, welche lachen
Und glauben zu gehen
Mit größtem Verstehen.

IV.
Am Ende fällt alles.
Der Stille, des Schalles
Ist nicht mehr gedenket,
Wer glaubt, daß er lenket,
Wird sehen und lernen
Vor mächtigen Sternen.

V.
Denn sicher auf Erden
Ist, Leiche zu werden -
Was vorher, ist müßig,
Was möglich, ist schließlich
Ein leeres Verlangen -
So soll man nur bangen.

VI.
Das Jetzt ist entscheidend,
Und die, welche, leidend,
Veränderung stützen,
Sich selber nicht nützen,
Im Ende verstehen
Zu halten das Leben.










PARS SECVNDA: MOLESTIAE

I.
Wer fragt nach dem Wege?
Wer fragt nach dem Stege?
Nur fragt man nach Taten,
Mit denen zu waten
Durch Flüsse der Zeiten
Muß man sich bereiten.

II.
Es zählen nicht Felsen,
Es zählen nur Stelzen,
Es zählen nicht Steine,
Es zählen Gebeine,
Es zählen nicht Pläne,
Nur zählt jede Träne.

III.
Der Weg ist zu gehen!
Nicht stille zu stehen,
Nicht aber zu wanken,
Nicht ruhen, nur ranken
An Leitern der Mauern,
Die uns überdauern.

IV.
Das Mittel zeigt Herzen,
Es zeigt, wieviel Schmerzen
Wir schaffen den andern,
Die Art, wie wir wandern,
Kann Schöpfung zertreten,
Doch auch für sie beten.

V.
Das Ziel ist zu tragen,
Das Ziel ist zu wagen
Die Ängste der Straße.
Gemessen die Maße
Des Kreuzes, das tragen
Wir in unserm Wagen.

VI.
Wenn drückende Lasten
Auch zwingen zu rasten,
Ist immer noch Stärke
Zu unserem Werke
In uns selbst gegeben -
Sie liegt in den Wegen.










PARS TERTIA: FRAVDES

I.
Auf unsteten Bahnen getrieben voll Eile,
Will nicht mehr verweilen gar winzige Weile,
Will nicht einmal halten, zu sehen noch Zeichen,
Denn Zeichen und Wunder ihn nicht mehr erweichen -
So sucht dieser Geist denn nicht Ruhe auf Erden,
Denn Ruhe wird nimmer - so glaubt er - ihm werden,
Nein, Unruhe treibt ihn und stürzt ihn in Pfade,
Auf Pfade, die kennen kein bißchen der Gnade,
Der Gnade der Schöpfung, die scheint ihm abhanden,
Die von ihm gelöset aus losesten Banden,
Allein sucht er Wege, allein alle Ziele,
Der Ziele ja türmen sich ihrer so viele,
Der Weg nur mit Steinen gepflastert und nichtig,
Nichts, das er geschaffen, ist jemals je wichtig -
Sein' Hirn wankt im Schlage des Herzens vergeblich,
Sein' Zellen erfiebern das Ende unsäglich,
Doch nie er erkennet, was Wirklichkeit wäre,
Wenn nicht er nur starrte in finstere Leere -
Betrug ist dies Denken, Betrug dieses Wimmern,
Betrug, in Gedanken sich selber zu zimmern.

II.
Doch nicht sucht er Wahrheit, er sucht nur zu glauben,
Doch nicht an den Schöpfer, nur Schein will er rauben
Von Reden der Alten und Sagen der Neuen,
Er will sich an keinerlei Schönem erfreuen,
Nur glauben sich selber als höchsten der Herren,
Muß selber vor allen sich selber gar zerren
Ans Licht dieser Welten und strahlen doch düstern,
Sein Schreien im Innern wird langsam ein Flüstern,
Er glaubt zu verzweifeln und ist nur getrieben,
Die Wahrheit mit eigenem Siebe zu sieben -
Er steht in dem Spiegel, er ist in dem Glase,
Trägt menschliche Augen und menschliche Nase,
Die Lippen, die Brauen, die Ohren sind eben,
Es glänzt auch das Funkeln der Augen daneben,
Er ist nur der Spiegel, er ist auch das Zeichen,
Er ist nur, was andere Mächte erreichen,
Was sie denn erstreben, was sie denn erschaffen,
Es ist ja die schlimmste all' unmenschlich Waffen,
Vorm Spiegel die Menschheit, das Morgen im Auge,
Muß sehen, ob dieses für später dann tauge.

III.
Das Morgen ist Zukunft, das Morgen ist Leben,
Das Morgen will leben und Taten auch geben,
Das Morgen uns bittet zu schützen sein' Zeiten,
Das Morgen will helfen, uns vorzubereiten -
Es ist unser Helfer, es ist unser Schicksal,
Es ist unser Plage, es ist unser Mühsal.
Das Gestern dagegen vergangen mag scheinen,
Doch morgen wir alles, was gestern, beweinen,
Das Gestern soll also ein Mahnung uns seien,
Es soll uns für Taten der Zukunft ja weihen -
Uns geben die Gabe, nach vorn ja zu schauen,
Zu sehen, wo Licht ist, wo Schatten, wo Grauen,
Es will dies verraten, doch jetzt ist in diesem,
Was vorwärts will streben, was vorwärts soll fließen,
Der Wille verschwunden zu folgen den Bahnen,
Zu hören auf jene, die wollen uns mahnen.
Das Spiel soll beginnen! So rufen die Boten,
Die reden, sie würden die Zukunft ausloten,
Doch schreiben sie selber mit Blut in der Feder,
Und worauf sie schreiben, ist menschliches Leder.

IV.
Sie reden von Zukunft und meinen nur Kriege,
Sie reden von Ehre und meinen nur Siege,
Nicht Siege der Menschheit, nicht Siege des Wahren,
Nein, Siege, um nur alles das aufzubahren
Im glänzenden Sarge, was fremd sich erweiset,
Was stets mit dem Guten im Bunde ja kreiset,
Was stets sucht nach Glauben und Hoffnung und Liebe,
Was stets tut, daß alle Gewalt ja zerstiebe -
Doch dieses ist jenen nur Feuer am Wege,
Sie werden es löschen, ja, eilen gar rege,
Doch dies ist das Feuer der Wahrheit im Herzen,
Doch dies ist das Feuer, das schafft ihnen Schmerzen,
Das Feuer, das glüht in den ewigen Gluten,
Das Feuer, das zieht durch die ewigen Fluten -
Ein Feuer des Lichtes, nicht Feuer der Schatten,
Es scheint ihnen Taten und Zeit zu gestatten,
Doch einmal entzündet, wird nie es vergehen,
Es wird die verbrennen, die stetig nur säen
Die Zwietracht und Lüge in menschlich Gedanken,
Der eig'ne Betrug wird sie bringen ins Wanken.

V.
Es kämpfen nicht Menschen, es kämpfen nicht Staaten,
Es kämpfen nicht Worte, es kämpfen nicht Taten,
Die Orte sind anders, die Zeiten verschieden,
Die Gründe sich gleichen, die Taten ermüden.
Die Menschen dort stehen und müssen sich finden,
Sie müssen einst Stellung für sich ja verkünden,
Sie müssen ja lernen, sie sollen so sehen,
Die Hülle wird schließlich am Ende vergehen.
Ein Schatten sie aber, ein schwächliche Maske,
Daß jeder in ihr langsam vorwärts sich taste.
Es werden dann leben, die suchen und streben,
Die suchen und streben nach ewigem Leben,
Nicht Macht, nicht Verheißung, nicht Worte, nicht Altes,
Nichts schon vor den Zeiten und nichts längst Verhalltes,
Nur zählen Momente, die sind uns jetzt richtig,
Die sind uns gar wirklich und heute nicht nichtig,
Nicht Morgen, nicht Gestern, ja, sind nur das Heute,
Sind alle des Lebens erquickliche Beute -
Wir tragen Momente am Ende zusammen
Und werden dann wissen, woher diese stammen.

VI.
Wo Licht ist, kommt Schatten, wo Wahrheit, die Lüge,
Doch Wahrheit ist letztlich die einzige Wiege,
Die hegt ja die Welten und pflegt, was geschaffen,
Sie hütet und hilft auch, sich noch aufzuraffen,
Zu treiben, zu fordern, zu fragen sich ständig,
Zu bleiben nicht stehen, doch drehen sich wendig
Im Kreise ums Zentrum, das gibt uns ja Stärke,
Die Stärke für unsere weltlichen Werke,
Die Stärke, zu lieben, zu schaffen, zu bauen,
Die Stärke, zu geben, zu seh'n, zu vertrauen,
Die Stärke, zu nehmen das Wort als Verheißung,
Die Stärke, zu kennen die wichtigste Weisung,
Die Stärke, zu glauben, zu wissen, zu schauen,
Die Stärke, die Hülle des Schweigens zu tauen,
Die Stärke, zu reden, zu handeln, zu weinen,
Die Stärke, zu forschen, zu denken, zu meinen,
Die Stärke, zu träumen, zu hoffen, zu lachen,
Die Stärke, zu ruhen, zu warten, zu wachen,
Erst dann sind wir Menschen, dann werden wir schauen,
Ja, schauen den Herren - wir müssen vertrauen.










PARS QVARTA: LVDICRVM

I.
Auf, schwingt euch zum Tanze,
Erhebet die Lanze,
Erhebet die Schilde,
Im glänzenden Gülde
Der Welten gefangen,
Wollt Ruhm ihr erlangen?

II.
So ruft denn: Beginnet!
Und alsdann euch schwinget,
Ja, reitet die Pferde
Auf staubender Erde -
Den Staub eurer Ahnen,
Die ebenso kamen.

III.
Die ebenso gingen!
Was sollt' euch gelingen?
Was sollte euch stehen -
Es wird doch verwehen
Der Glanz eurer Tage -
Dies steht außer Frage.

IV.
Denn seht ihr nichts kommen?
Habt nicht ihr vernommen,
Daß Rom mußt' vergehen,
Sein Ruhm schnell verwehen,
Ein Reich aller Zungen
Ward niedergerungen.

V.
Ja, Macht soll versinken!
In Wahrheit ertrinken!
Denn Macht ist nur Lüge,
Auf daß sie betrüge
Die Herzen und Hände
Und Neues dann wende.

VI.
Dies Spiel nicht gewinnet,
Wer Wahrheit entrinnet
Zu werden gar mächtig
Und rühmen sich prächtig -
Sich selbst sie betrügen
In scheinbaren Siegen.










PARS QVINTA: FIDES

I.
Die Sicht ist verschwommen,
Der Geist zu benommen,
Die Ohren nicht hören,
Die Sinne verwehren
Den festen Gedanken
Und fühlen nur Schranken.

II.
Real ist nur alles,
Was jenseits des Halles
Vom eigenen Herzen
Ja sendet jetzt Schmerzen
In Kopf und in Glieder
Und zwingt ja hienieder.

III.
Nichts andres vorhanden,
Der Ort, wo wir standen,
Die Luft, die wir spürten,
Die Düfte, die führten,
Die Klänge, die gaben
Uns Sinn an den Tagen.

IV.
Die Welt ist verschwunden,
Was vorher empfunden,
Ist Schatten gewesen
Und ist nur zu lesen
In fernen Gedanken,
Die jetzt wollen wanken.

V.
Der Ort, den wir kennen,
Beim Namen kann nennen
Er uns ohnegleichen,
Wir können nicht weichen,
Hier sind wir gewesen
Und werden genesen.

VI.
Hier liegt all' Beginnen,
Hier wächst alles Sinnen,
Hier tragen wir Gaben
Zusammen und wagen
Erneut uns zu gehen,
Um Neues zu sehen.










EPILOGOS

I.
Die Frage des Sinnes, die Frage der Schmerzen,
Die Frage nach Fülle und Leere im Herzen,
Die Frage nach Leben, die Frage nach Sterben,
Die Frage nach Rettung und auch nach Verderben,
Die Frage nach Zeiten, die Frage nach Tagen,
Die Frage nach Antwort, die Frage nach Fragen,
Die Frage nach Hören, die Frage nach Sehen,
Die Frage nach Unschuld und die nach Vergehen,
Die Frage nach Wahrheit und Frage nach Lüge,
Die Frage, ob selbst eine Frage betrüge
Den Geist eines Menschen, die Seele im Innern,
Muß diese ohn' Fragen allmählich verkümmern?
Muß diese dann sterben? Muß diese vergehen?
Doch braucht es nicht ebenso, aufrecht zu stehen,
Nicht mehr ja zu fragen, nicht mehr denn zu wimmern,
Nicht mehr, sich die eigene Wahrheit zu zimmern,
Doch dann zu erkennen, daß Wahrheit vor allem
Ist nie, was von mächtigen Dächern will schallen.
Die Frage nach Antlitz, nach Wort und nach Taten,
Die Frage und Suche im Glauben muß warten.

II.
Die Suche nach Glück und die Suche nach Schmerzen,
Die Suche nach Wahrheit und Lüge im Herzen,
Sie ist unser Ziel und sie ist unser Leben,
Sie ist uns von jeher beizeiten gegeben,
Als Kinder wir suchten nach neuem Erleben,
Als Kinder wir baten, daß alle uns geben
Die Antwort auf alle von unseren Fragen,
Die Antwort auf alle erdenkliche Lagen -
Doch später gewachsen, ja, später erwachet,
Kein menschlicher Schutz mehr nun uns überdachet,
Wir stehen im Freien, erleben die Welten
Und suchen in Urteilen, die wir einst fällten,
Den Sinn und den Unsinn, den Sinn doch zumeiste,
Den Sinn, der doch stets immer mit uns ja reiste,
Der stets ist vorhanden und stets ist uns Leiter,
Der nicht jedoch schreiet, der ist nur Begleiter,
Doch diesen zu sehen heiß, sehen zu wollen,
Und sehen zu wollen heißt, Glauben zu zollen
Und Suche nach Dingen, die weltlich nicht scheinen
Und sichtbar noch werden für außer uns keinen.

III.
Der Glaube an Freude, der Glaube an Schmerzen,
Der Glaube an Schatten und Licht ja im Herzen,
Der Glaube an Wahrheit, der Glaube an Zukunft,
Der Glaube ans Kommen, der Glaube an Ankunft,
Der Glaube des Wartens und Glaube der Stille,
Im Glauben nur wächst ja ein sicherer Wille,
Im Glauben, daß alles in einem sich findet,
Auch wenn alles Treiben der Welten sich windet
Im Staube der Asche des Menschengeschlechtes,
Im Staube erscheint uns Betrug und Gerechtes,
Im Staube ja schwindet all Glanz und Berechnung,
Im Staube verschwunden sind Macht und Bestechung,
Im Staube des Kreuzes getragen die Schmerzen,
Im Staube des Kreuzes gerettet die Herzen,
Im Staube des Kreuzes gestorben das Sterben,
Im Glaube des Kreuzes will lichten sich färben,
Was einst war so finster und weinte im Stillen,
Erhält nun Verstehen und helfenden Willen
Im Glauben um Einheit des Lebens in Fülle,
Im Wissen um unsere sterbliche Hülle.



PJK
April 9th, 1999





© Phil John Kneis. all rights reserved   ·   philjohn.com - internet diary · poetry · serial photography

philjohn.com
pjkx.com
The Arts Circle